Als wir durch Nepal reisten, dem kleinen Land zwischen Tibet (heute China) und Indien, dachte ich, nicht nur den 8000ern des Himalaya, sondern auch dem buddhistischen Geist recht nahe zu sein. Schließlich gilt das an der Grenze zu Indien und 250 km von Kathmandu entfernt gelegene Lumbini der Überlieferung nach als Geburtsort Buddhas. Und ca. 1000 km Luftlinie entfernt liegt der indische Wohnsitz des Dalai Lama in Dharamsala. Von diesem Zentrum müsste auch jede Menge Glücksenergie ausgehen. Ohne Frage spürt man den Buddhismus deutlich, selbst wenn die Nepalesen überwiegend hinduistisch sind. Religionsübergreifend wirst du überall in Nepal mit einem ehrwürdigen NAMASTE begrüßt und Tempel und Stupas säumen die Wege. Die Stupas werden im Uhrzeigersinn von links nach rechts umkreist, was sich vorteilhaft auf alles Mögliche, nicht zuletzt die Wiedergeburt, auswirken soll. Vielerorts wehen buddhistische Gebetsfahren in den fünf Farben der Elemente, die die Gebete über den Wind dem Himmel zutragen sollen. Und in einer Hotellobby kann es schon mal sein, dass den ganzen Tag das buddhistische Mantra OM MANI PADME HUM aus den Lautsprechern dudelt.

Die Nepalesen bringen durchaus ein buddhistisches Grundverständnis mit, das sich vor allem mit dem stetigen Wandel und der Vergänglichkeit, dem Nicht-Anhaften und der Wiedergeburt beschäftigt. In ihrer Praxis konzentrieren sie sich – ähnlich wie ich es in Thailand erlebt habe – auf Gemeinschaftsaktionen mit Ritualen, Gebeten, Tempelbesuchen und Opfergaben. Gern lässt man sich zum Abschluss einer Zeremonie noch ein Segenszeichen auf die Stirn auftragen, meist mit rötlicher Farbe. Schaden kann es nicht. Zweifellos ist aus diesem Tun Kraft zu ziehen, obwohl es mich teilweise oberflächlich anmutet. Was ich dabei komplett vermisse, ist das Besinnen, das Sammeln, An-sich-selbst-arbeiten, Zu-sich-selbst-finden und In-sich-selbst-ruhen. Meditieren scheint hier Fehlanzeige oder hinter Klostermauern versteckt. Genau das hat mir auch der lokale Guide bestätigt: Ruhiges konzentriertes Sitzen ist nicht. Was man den Leuten auch anmerkt. Freundlichkeit ist sehr stark ausgeprägt, aber eine gelassene, besonnene, zufriedene Grundhaltung sucht man vergebens. Da scheinen die Nepalesen nicht besser oder schlechter aufgestellt als wir Europäer.

Ich jedenfalls war heilfroh, meinen Geist trainieren und mich mithilfe mentaler Techniken den Gegebenheiten, wie sie nun mal sind, anzupassen zu können. Das war bitter nötig, denn Nepal ist ein armes Land, das in seiner Entwicklung gefühlt 100 Jahre hinter uns zurück ist. Fehlende Infrastruktur (für 150 km braucht man locker mal 6 Stunden wegen Buckelpisten), primitive Häuser und Wohnhütten ohne Heizung und Sanitäranlagen und keine verlässliche Strom- und Wasserversorgung. Ein kaltes, feuchtes Bad ohne Putz an den Wänden aber mit Toilette gilt als Luxus, denn es erspart einem den Gang zur Latrine. Für schwachfließend lauwarmes Wasser ist man übermäßig dankbar. Dass man bei solchen Verhältnissen nicht unbedingt saubere Bettwäsche oder Handtücher erwarten kann, versteht sich von selbst. In zwei Unterkünften gab es Heizdecken, die solche Begeisterung hervorriefen, dass sie die ganze Nacht durchliefen. Da wunderte es nur, dass die Sicherungen nicht rausgesprungen sind. Solche Voraussetzungen hatte ich nicht erwartet und es gab Zeiten in meinem Leben, da hätte ich das nicht ausgehalten und bei erstbester Gelegenheit die Flucht ergriffen. Aber mein Durchhaltevermögen hat sich verbessert und meine Höhenangst auch. So bin ich über die Hängebrücken gekommen, die es allerorts gibt, um Schluchten zu überqueren. Darüber bin ich sehr froh, denn ich möchte keinen Tag dieser Reise missen.

Zur Freude aller Smartphone-Junkies sei noch gesagt: Bei aller Rückständigkeit ist das Mobilfunknetz in Nepal bestens ausgebaut. 4 bis 5G überall 😊 Wenn sonst nichts geht, aber surfen geht fast immer.