Ende Januar hatten wir einen großen Wassereinbruch in unserem Haus, der nur dank dem schnellen Einsatz der Feuerwehr noch einigermaßen abgefedert wurde, bevor unser ganzes Hab und Gut sprichwörtlich den Bach runtergespült worden wäre. Solche Momente, wo wir nicht genau wissen, was von unserem schön gepflegten Besitz noch übrigbleibt und ob wir noch ein letztes Hemd retten können, werfen einen knallhart „Back to the Basics“. Genau mit diesem Thema habe ich mich schon oft im Vorfeld bei meinen Einsichtsmeditationen beschäftigt. Mir ausgemalt, wie es Tsunami-Opfern oder andern geht, die von jetzt auf gleich vor dem Nichts stehen, selbst wenn keine Situation eins zu eins mit anderen vergleichbar ist. Ich arbeite auch mit meinen Denkrezepten immerfort an dem Thema Loslassen, und das betrifft einfach alles, was es im Leben Loszulassen gibt: Loslassen des Besitzes, Loslassen des eigenen Lebens, Loslassen der Vergangenheit, Loslassen des Kindes oder des Partners, Loslassen von Problemen oder Süchten – die Bandbreite ist groß. Allerdings vergesse ich manchmal, dass es nicht nur wichtig ist, selbst loszulassen, sondern auch von anderen, die einen umgeben oder lieben, losgelassen zu werden. Das ist ebenso ein wichtiger Aspekt persönlicher Freiheit. Wobei wir auf das Verhalten der anderen nur begrenzt Einfluss haben. Gegebenenfalls bleibt uns bei zu viel Vereinnahmung nur die Abgrenzung, selbst wenn die anderen es aus ihrer Sicht nur „gut meinen“.

Es ist wirklich so, wie die Weisheitslehre sagt: Wenn wir uns mental vorab in ruhigem klarem Geist, also ohne dabei ins Negative oder Depressive abzudriften, mit Lebensthemen auseinandersetzen, haben wir es in der Akutsituation zwar auch nicht leicht, aber einfacher. Zudem hilft mir natürlich immer auch mein Portfolio an BASIC-Denkrezepten. Das einzige, mit dem ich mich kaum beschäftigen kann und wo ich an meine Grenzen stoße, ist Leid in seiner Extremform wie Gräueltaten, Folter, Gewalt, Verstümmlung, Misshandlung, unerträgliche und unmenschliche Schmerzen.

Doch nochmal zurück zu unserer häuslichen Wasserkatastrophe: Beim Aufräumen des Kellers mussten wir mehr als 80 % unserer Bibliothek entsorgen. Dabei fiel mir das Buch „Lebenskunst – Wege zur inneren Freiheit“ von Peter Lauster in die Hände. Gekauft hatte ich es Ende der Achtziger Jahre. Meine Beschäftigung mit der praktischen Philosophie, der Lebenskunst bzw. Lebensschule im Alltag, reicht also schon über 30 Jahre zurück. Begonnen hatte ich mit Anfang 20 mit Dale Carnegie und „Sorge dich nicht, lebe.“ Diese Lebensphilosophie, ich nenne sie ja gesundes Denken, ist wahrhaftig eines meiner wichtigsten Lebensthemen. Wenn ein „Lebensschule-Treff“ so selbstverständlich wäre wie ein Lauftreff, würde ich einen gründen.

Wobei die praktische Umsetzung von Erkenntnissen mich über die Jahrzehnte durchaus auch in Sackgassen und tiefe Täler geführt hat. Es ist eben noch kein Meister vom Himmel gefallen. Aber seit über einem Jahrzehnt hat es dann doch intensiv Früchte getragen und es ist sehr viel Stabilität und Zufriedenheit in mein Leben eingekehrt. 😊

Die Liebe hat nur einen Sinn, wenn sie liebende Einstellung ist, Liebesfähigkeit, in absoluter Freiheit. Je mehr ich liebe, desto mehr sollte ich fähig sein, das, was ich liebe, loszulassen, und je mehr ich geliebt werde, desto mehr muss ich das Gefühl haben, losgelassen zu werden. Andere loszulassen und selbst losgelassen zu sein, das ist das höchste Maß an Erfüllung und Glückseligkeit. Selbstentfaltung heißt, mich von den anderen zu entfernen, um ihnen dadurch in Freiheit näher zu kommen. Fremde Menschen können sich deshalb im Augenblick oft näher sein als Vertraute, die sich jahrzehntelang kennen und gegenseitig in Besitz genommen haben.“
(aus: „Lebenskunst“ von Peter Lauster)