Je älter ich werde, umso mehr mag ich ihn, den Minimalismus. Er hat etwas mit vereinfachtem Leben und vereinfachtem Lebensstil zu tun. Ich sage bewusst nicht „mit einfachem Leben“, weil das klingt mir zu sehr nach Bescheidenheit. Doch Minimalismus geht auch im Luxus. Sich mit einer einzigen Rolex zufrieden zu geben anstatt mit fünfen ist genauso Minimalismus wie die Gepäckreduktion eines Weitwanderers. Wie bei allem ist die Bandbreite groß – Minimalismus kann sich auf unterschiedlichen Stufen entwickeln. Aber immer gilt: Weniger ist mehr. Egal ob beim Outfit, Haus, Essen, Auto, bei der Arbeit oder in der Freizeit. Manchmal macht uns die Reduktion Angst, weil wir nicht wissen, ob wir mit dem Weniger überhaupt klarkommen und unsere Entscheidungen bereuen. Doch Ballast und Unnötiges loszulassen und sich aus der Konsumspirale auszuklinken, kann auch sehr befreiend sein. Denn es bedeutet weniger Verantwortung, weniger Sorgen und Verlustängste, mehr Ordnung und Übersichtlichkeit, und wir sparen Geld, Platz, Müll und vor allem Zeit. Zeit, die wir wichtigeren Dingen widmen können, und damit leben wir allemal bewusster. Mehr Schlichtheit und Back-to-the-roots könnte man auch sagen. Unverpacktläden, Carsharing, Camping und Do-it-yourself sind gefragt. Statt in der Mittagspause in die Kantine oder zum Imbiss zu gehen, bringen die Leute jetzt wieder ihr Essen im Henkelmann mit. Während ich früher gerne nach Sterne-Hotels schaute, habe ich heute eher Jugendherbergen auf dem Schirm.

Wo ich mir insbesondere in den letzten Wochen mehr Minimalismus gewünscht hätte, ist nicht nur beim alljährlichen Weihnachts- und Silvester-Konsumrausch. Am meisten ging mir diese inflationäre Wünscherei zum Fest und Jahreswechsel auf den Geist. Eigentlich fängt es ja schon mit dem 1. Advent an – in Fortsetzung dann bis zum 4. Diese vorgefertigten Bildchen und Sprüche, die gefühlt von allen und jedem vorrangig in den sozialen Medien verbreitet werden. Es ist ätzend. Gut, man könnte sagen, es ist immer noch besser, dass sie Wünsche durch den Äther schicken statt Gemeinheiten. Aber diese Fülle von Floskeln ergießt sich wie eine Mülllawine. Meinetwegen könnten sie die komplett einstampfen und dabei gleich noch das „Schönen Tag noch“, „Schönen Abend noch“ mit entsorgen. Alternativ würde ich die Leute dazu auffordern, bewusster damit umzugehen und pro Floskel mindestens fünf Alternativen im Wechsel zu aktivieren. Dann müssten wir alle mal kurz nachdenken, bevor wir was nach Draußen posaunen. Es geht wirklich nicht um Unfreundlichkeit. Und auch nicht darum, dass ich meinem Nachbarn nach einem kurzen persönlichen Plausch vor der Haustür nicht noch „schönen Resttag“ wünsche, sondern um Oberflächlichkeit in Ermanglung von Bewusstheit. Für mich wäre hier weniger wirklich mehr.

Und mein Lieblings-Minimalismus sind bekanntlich meine Denkrezepte bzw. Meditationen. Keine länger als 5 Minuten und kurz und knapp ohne Schnörkel. Gedacht zum aktiven Trainieren und nicht zur passiven Berieselung. Wie bei der Gymnastik: Es bringt nichts, sich ein unterhaltsames Rückentraining-Video anzuschauen, sondern es geht darum, einzelne Übungen mitzumachen und sie jederzeit bei Bedarf auch selbständig zu trainieren. Natürlich verlängere ich nach Zeit und Laune meine Meditationen bis auf 30 Minuten und mehr, wandle sie ab oder kombiniere sie. Doch nach über zwölfjähriger Erfahrung mit meinen Denkrezepten kann ich nur immer wieder sagen: Es ist für unsere mentale Gesundheit goldwert, kurze Denkrezepte für das regelmäßige Training im Alltag im petto zu haben und sie im Notfall aus dem Effeff runterbeten zu können. Unsere Seele dankt es uns und beschenkt uns mit innerem Frieden.

Dass ich damit nicht im Mainstream schwimme, ist mir vollkommen klar. So muss ich es auch aushalten, wenn mir meine Tochter begeistert Empfehlungen für Meditationen schickt wie:
Hier ist eine Show für Dich:
Geführte Meditation für Frieden mit dir selbst und anderen
Der Podcast mit Michael „Curse“ Kurth
31 (!) Minuten

Ich höre sie mir auch an. Selbst wenn es mir schwerfällt. Wobei ich ehrlicherweise schon ein bisschen schummle und vorspule. Michael, der auf seinen Künstlernamen „Curse“ doch sehr stolz zu sein scheint, liefert in den 31 Minuten viel Gelaber und Dudelmusik und hat dabei eine ähnlich affektierte Sprache wie Robert Betz in seinem Podcast „Selbstliebe: Schenke deinem inneren Kind wahre Liebe“, ebenfalls 31 (!) Minuten lang.

Es ist nicht meins 😉 Es hat auch nichts mit den schlichten klassischen buddhistischen Meditationen zu tun, die ich gelernt habe. Gut. Vielleicht ist es Geschmackssache. Jedem das Seine und für jeden alles zu seiner Zeit. Und eins muss man den Herren Kurth und Betz zugute halten: Sie schaffen es, mit diesen doch wichtigen Lebensthemen ein wesentlich größeres Publikum zu erreichen als ich. Und allein das ist extraprima gut so.