Ich habe lange gebraucht, bis ich es richtig verstanden habe. Anfangs habe ich „Liebe leben“ nicht nur gleichgesetzt mit freundlich, gütig und liebevoll sein, sondern auch mit Harmonie schaffen, kümmern, helfen, es recht machen, mit jedermann auskommen. Und hatte damit für mich ziemliches Leid geschaffen. Warum? Weil mir die Sache mit der Abgrenzung nicht vertraut war. Ich habe meine eigene Persönlichkeit nicht ausgelebt und mich verbogen. Ich habe  versucht, Liebe ohne Abgrenzung zu leben. Ich dachte immer, Liebe sollte keine Trennungen, kein Verurteilen schaffen, und musste dann lernen, dass Abgrenzung nicht mit Trennung oder Urteilen gleichzusetzen ist, selbst wenn Abgrenzung zur Trennung führen kann. Wieso?

Everybody‘s darling is everybody’s Depp – wusste schon Franz Josef Strauss.

Gesunde Liebe leben
bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir jeden leiden und ertragen müssen. Es ist genau dieses liebende Grundgefühl der gesunden Liebe, mit dem wir auch unsere Streitigkeiten austragen und Abgrenzungen vollziehen. Wir meiden Menschen, die uns nicht gut tun, aber halten das liebende Grundgefühl für sie aufrecht und verstricken uns nicht in Ablehnung und Boshaftigkeit. Wir legen in unseren Beziehungen individuelle Rahmenbedingungen fest und ziehen bei Nichteinhaltung Konsequenzen, aber auch hier wieder mit dem liebenden Grundgefühl und der daraus resultierenden Fairness. Jeder Partner bleibt frei und auf gewisse Weise autonom. Wir lassen los und nehmen im Fall des Falles – trotz heftiger Schmerzphasen – dankend Abschied. Keine Rosenkriege!

Die gesunde Liebe dient dazu, den Mut zu haben, sich Auseinandersetzungen zu stellen, und dann im Konfliktfall ein hohes Maß an eigener Zufriedenheit aufrechtzuerhalten, sich im Eifer des Gefechts nicht von Wut oder gar Hass unkontrolliert mitreißen zu lassen und für alle Beteiligten unnötig Leid zu produzieren. Sie ist die beste Voraussetzung, um mit anderen und dem Rest der Welt gut zurechtzukommen und längerfristig glücklich zu sein. Neid, Missgunst, Eifersucht, Gehässigkeit, Nachtragendsein, Verbitterung, Vorwürfe, Zorn und Zynismus sind außen vor. Respekt, Fairness, Kompromisse, Wertschätzung, Fürsorge und Vertrauen dagegen inbegriffen

Gesunde Liebe heißt konkret für mich:
Ich muss weder immer lieb noch nett sein.
Ich muss nicht mit Leuten zusammen sein, die mir nicht gut tun. Wenn ich es doch muss, kann ich es mit einem freundlichen Grundgefühl so distanziert handhaben, wie möglich.
Ich setze mich für meine eigenen Belange, Ideen und Werte ein. Natürlich in Verbindung mit Kompromissbereitschaft und Rücksichtnahme. Aber nicht so weit, dass ich dabei auf der Strecke bleibe.
Ich bin mutig und nehme in Kauf, andere vor den Kopf zu stoßen, wenn ich – so freundlich es mir möglich ist – sage, sei mir nicht böse, aber ich mach das so nicht, ich will das so nicht, ich habe kein Interesse dran, ich geh einen anderen Weg, lass mich in Ruhe, ich sage jetzt Tschüss. Und knicke nicht ein, wenn Gegenwind kommt.
Ich verzeihe und versuche Geduld zu haben, was aber nicht heißt, dass ich alles hinnehme. Ich lasse zwar los, aber entwickele meine Haltung, die mich abgrenzt, schützt und mit der ich zu mir selbst zurückkehre und mein Ding mache.
Ich übernehme Verantwortung für mich, versuche bei mir zu bleiben und lass den anderen in seiner Verantwortung. Ich muss mich nicht im Kümmern erschöpfen, was ja nicht heißt, dass ich jegliche Unterstützung verweigere.
Ich zwinge mir nichts dauerhaft auf, nur der guten Stimmung wegen.
Ich arbeite daran, aufkeimende ungesunde Schuldgefühle und das ungesunde schlechte Gewissen immer wieder umzukehren in „ICH BIN ES MIR WERT …“

Dabei sind mir persönlich die SPECIALS DenkRezept SELBSTWERT, ICH-STÄRKE, LOSLASSEN,  ANGST und MUT immer wieder eine gute Hilfe.

Übrigens: Der Sinn unseres Lebens ist, nach Glück zu streben, sagt der Dalai Lama. Wenn wir uns selbst wichtig genug nehmen und gesund-egoistisch die Faktoren bestimmen, die uns ein erfülltes Leben bescheren, tun wir damit langfristig unserer Familie, unseren Freunden und Bekannten, unserem Arbeitgeber und allen, die uns begegnen, das Beste. Weil wir mehr Freundlichkeit, Spaß, Lächeln und Liebe ins Leben einbringen und die Frustrationen des täglichen Lebens besser ertragen. Deshalb sorgen wir in erster Linie gut für uns selbst und entwickeln Geschmack für die schönen Dinge des Lebens. Sich wichtig zu nehmen, geht meilenweit über das bloße Funktionieren hinaus. „Ich muss funktionieren, es geht ja nicht anders“ ist oft zu hören. Wer glaubt, es reiche aus, nur irgendwie zu funktionieren, erlebt eine Bruchlandung, weil Funktionieren niemals langfristig trägt.