Leseprobe

Alles fängt bekanntlich im Kopf an. Und auf unseren Kopf haben wir mehr Einfluss, als wir gemeinhin denken. Denn wir sind für unsere Gedanken genauso verantwortlich wie für unser Essen und unsere Bewegung. So wie wir uns gesund oder ungesund ernähren können, können wir uns glücklich oder traurig denken. Deshalb sollte gesundes Denken ganz oben auf unserer Liste stehen. Tut es aber nicht. Wir haben keine Ahnung, wie wir unseren Kopf mit gesunden Gedanken fit und geschmeidig halten, damit es gut für uns läuft. Deshalb hat Beate Latz-Becker dieses Buch geschrieben. Es erklärt in kompakter und leicht verständlicher Form, was gesundes Denken ist und wie wir es mithilfe von Denkrezepten trainieren. Nutze DenkRezepte als verlässliche innere Kraftquelle für ein glücklicheres Leben.

Wenn wir uns etwas Gutes tun wollen,
denken wir in der Regel an leckeres Essen und Trinken, Ausgehen, Urlaub oder sonstige Vergnügungen. Was in dem Zusammenhang garantiert keinem einfällt: das Denken. Niemand kommt auf die Idee, zur Feier des Tages glücklich, wohltuend oder entspannt zu denken. Selbst jene nicht, die bereits auf dem Gesundheitstrip sind und sich mit gesunder Ernährung und Bewegung auskennen. Alle konzentrieren sich auf den Körper, auf Fitness und gutes Aussehen, aber nicht auf das Hirn. Dabei kann uns gesundes Denken einfach und schnell, mitten im grauen Alltag, wunderbare Momente des Wohlgefühls und der Zufriedenheit schenken. Gesundes Denken berührt unsere Seele und ist der direkte Draht zu Gelassenheit und Lebensfreude. Es kostet nichts und hat keine unangenehmen Begleiterscheinungen. Wir können sofort und an jedem Ort damit anfangen, ohne uns umziehen oder irgendwohin fahren zu müssen. Atme einfach tief ein und aus und denke: „Ich liebe mein Leben!“ So einfach ist das. Zwar haben die meisten schon von der Einheit „Körper, Seele und Geist“ gehört, was in der praktischen Umsetzung jedoch heißt, sich auf Körperpflege zu konzentrieren, das Seelische ab und an mit Wellness abzudecken und den Geist, also unser Denken, komplett unter den Tisch zu kehren. Wobei die Unterscheidung zwischen Geist und Seele schwierig ist, weswegen oft von geistig-seelischer Einheit gesprochen wird. Wie stark der Geist unsere Seele beeinflusst, wenn die beiden nicht gar eins sind, wusste schon der römische Kaiser und Philosoph Marc Aurel (121-180 n. Chr.), als er sagte: „Auf Dauer nimmt deine Seele die Farbe deiner Gedanken an.“

Wir sind darauf gepolt,
erst einmal ungesund zu denken und zu reagieren. Also aufgeregt, ärgerlich, wütend, gestresst, ängstlich, traurig, verzweifelt, genervt, eifersüchtig oder gierig. Das kommt spontan aus unserem Unterbewusstsein, denn es ist uns längst in Fleisch und Blut übergegangen. Das gesunde Denken dagegen kommt weit weniger automatisch aus unserem Gedächtnis, sondern muss viel stärker selbstbestimmt aktiviert werden. Wir müssen den Kopf regelrecht auf glückliches Denken programmieren und trainieren. Und so, wie wir immer wieder Bauch-, Bein-, Po-, Brust- und Armmuskeln im Fitnessstudio trainieren, trainieren wir immer wieder Mut, Gelassenheit, Zufriedenheit und innere Stärke mit Hilfe von Denkrezepten. Wenn wir nicht trainieren, verkümmert alles. Use it or loose it. Ziel ist, dass das gesunde Denken mit der Zeit das ungesunde immer stärker verdrängt und wir es ebenfalls unbewusst abrufen können. Womit klar wird, dass die Pflege des gesunden Denkens ein aktiver Prozess ist. Inneren Frieden, Motivation und Lebensfreude müssen wir uns ebenso wie einen fitten Körper erarbeiten – von einigen wenigen Naturtalenten abgesehen. Bei dem Wort „erarbeiten“ zucken manche zusammen, denn das ist nicht jedermanns Sache. Deshalb ist unsere liebste Diät ja auch „Abnehmen im Schlaf“. Doch hier sei Entwarnung gegeben. Du musst ja nicht gleich das komplette Programm starten. Wenn dir das ein oder andere Denkrezept Erleichterung verschafft und du es nicht regelmäßig, sondern nur temporär oder ab und an einsetzt, ist das bereits eine wunderbare Sache. Gehe es entspannt an.

Wenn wir wenig über etwas wissen,
wie das beim gesunden Denken der Fall ist, bekommt es leicht einen suspekten Charakter, und wir vermuten Schlechtes in Form von Gehirnwäsche. Von daher erleben wir manchmal, dass Menschen dem gesunden Denken misstrauisch gegenüber stehen. Ihre größte Sorge dabei ist, dass sie ihr ureigenes Ich verlieren könnten. Dann sagen sie „Ich will zwar mit meinen Problemen besser zurechtkommen und zufriedener leben, aber ich will in jedem Fall so bleiben wie ich bin.“ Diese Sorge ist unbegründet, denn niemand soll ein anderer werden. Es geht rein darum, unser mentales Potential besser zu entfalten und Herr im eigenen Oberstübchen zu werden.

Hinzu kommt, dass uns die mentalen Übungsmethoden wie Atmen oder Denkformeln aufsagen fremd sind und eher der alternativen Szene mit ihren nicht ganz ernstzunehmenden Sandalenträgern im Räucherstäbchendunst zugeordnet werden. Da (ver-)urteilt manch einer schon mal schnell: „Alles Humbug!“ Aus diesem Grunde lehnen wir oft Hilfe ab. Das erleben Ärzte in Reha-Einrichtungen täglich. Wenn sie Patienten mit Magen-Darm-, Haut- oder Herzproblemen begleitende Psychotherapie empfehlen, kommt die Antwort: „Ich brauch‘ so was nicht. Ich hab’s doch nicht am Kopf.“ Wo wir gerade beim Thema Klinik sind: Dem gesunden Denken kommt bei Menschen mit psychischen Problemen oder gar Krankheiten besondere Bedeutung zu. Burnout, Depressionen, Ängste, Süchte und Lebenskrisen haben sich zu Volkskrankheiten entwickelt. Die Betroffenen haben sich in ihrer Hilflosigkeit und Verzweiflung in besonders verzerrte und krankmachende Gedanken verstrickt, aus denen sie aus eigener Kraft unter Umständen nicht mehr herauskommen. Auswertungen zufolge gibt es in der Versorgung psychisch Kranker dramatische Missstände. Selbst in den besten Gesundheitssystemen, zu denen auch das deutsche gehört, kann den Patienten oftmals nicht wirklich geholfen werden und die Rückfallquote ist hoch. Wenn man bedenkt, dass die Zahl der Menschen mit psychischen Erkrankungen in den kommenden Jahren weiter ansteigen soll, ist das alarmierend. Ein Defizit der Schulmedizin ist dabei sicherlich die fehlende Schulung im systematischen gesunden Denken.

Der richtig gut Geübte
kann im besten Fall trotz der Widrigkeit komplett seine 100 % Zufriedenheit aufrechterhalten. Weil es ihm gelingt, in eine positive (gesunde) Denk-Haltung zu gehen. Oft erleben wir ja, dass zwei Menschen das gleiche Problem haben – der eine zerbricht daran, während der andere sich aufrafft und weitermacht. Die Erklärung liegt auf der Hand. Der mental gut aufgestellte wird mit gravierenden Schicksalsschlägen wie Krankheit oder Tod immer besser zurechtkommen, egal, ob es ihn selbst oder sein Umfeld trifft. Schon der chinesische Philosoph Laotse wusste: „Die größte aller Freiheiten, die wir haben, ist die, in jeder Situation unsere Einstellung zu wählen.“ Natürlich müssen wir uns mit jedem einzelnen Problemfeld gesondert auseinandersetzen und tiefer schauen, um gesunde Einsichten zu erlangen und die richtigen gesunden Gedanken und Denkrezepte zu finden.

Das gesunde Denken ist ein ICH-Projekt.
Aber wir Menschen ziehen die WIR-Projekte vor. Die ja auch durchaus Vorteile haben. Wir sind lieber WIR als ICH. Vielen fällt es regelrecht schwer, in der Ich-Form zu denken und zu sprechen. Doch gesundes Denken ist unser ureigenes Anliegen. Wir tun es in allererster Linie für uns selbst und müssen den Königsweg allein gehen. Es ist wie beim Abnehmen: Andere können uns dabei anleiten und unterstützen, wir beziehen sie auch gern bis zu einem gewissen Grad in unser Projekt mit ein, aber bewerkstelligen müssen wir es allein. Es funktioniert nur dann, wenn wir selbst den Eifer, die Begeisterung und den aufrichtigen Willen entwickeln. Und nicht, weil uns ein anderer dazu auffordert oder gar zwingt. Allein die Tatsache, dass wir uns beim gesunden Denken mit uns selbst beschäftigen müssen, ist für viele abschreckend. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, wir seien vor uns selbst auf der Flucht. Viel lieber denken wir darüber nach, was die anderen so tun und lassen. Ruhe um uns herum ertragen wir schon gar nicht. Dann lenken wir uns erst recht ab, klicken mal eben hier und surfen da, hören Musik oder zappen durch die Fernsehprogramme, machen noch dieses oder jenes. Wir überfrachten unseren Geist regelrecht mit medialen Informationen, diversen Vergnügungen oder sonstigem Aktionismus. In unserem Tätigkeitstaumel kommen wir gar nicht zum Nachdenken, weder über den Sinn des Lebens noch über uns selbst, so dass unser Ich auf der Strecke bleibt. Wir spüren zwar unsere inneren Spannungen und die innere Unruhe, verdrängen sie aber so gut es geht, arbeiten weiter und lenken uns noch mehr ab.

Wichtig für unsere Gedankenarbeit
ist die Tatsache, dass wir nur EINEN Gedanken zu einem Zeitpunkt denken können. Gedanken können nicht parallel laufen, sondern immer nur nacheinander, wenn auch mit ungeheurer Geschwindigkeit. Wir können also nicht gleichzeitig einen Angst- und einen Mutgedanken haben. Auf dieser Grundlage sind unsere (Um-)Programmierungen und die Arbeit mit Denkformeln aufgebaut. Nur deshalb gelingt es uns, von ungesunden Gedanken abzulenken und auf gesunde umzuschwenken. Wenn wir richtig wütend auf den Chef sind, können wir dieser Wut mit einem Dankbarkeitsgedanken Einhalt gebieten, indem wir uns sagen: „Ich bin froh und dankbar, dass ich diesen Job überhaupt habe.“ Das löst das Problem nicht, bringt uns aber eine kurze Verschnaufpause, um uns einzukriegen und klarer, ruhiger und gesünder auszurichten. Oder wenn uns unser Nachwuchs mal wieder zur Weißglut treibt, können wir dem entgegensetzen: „Es ist und bleibt mein Kind, das ich liebe.“ Diese kurze Gedankenumlenkung kann Gold wert sein und funktioniert nur, weil die Gedanken nacheinander erfolgen.

In unserer hausgemachten Wirklichkeit
neigen wir auch gern zur unwahren ungesunden Verklärung. Das Weihnachtsfest ist ein gutes Beispiel. Da denken manche, alle anderen hätten so einen genialen Abend wie in der Werbung. Alle anderen (nur ich nicht!) sitzen harmonisch bei Kerzenschein und edlem Essen in bester Stimmung vor zauberhaften Geschenkebergen, während draußen der Schnee rieselt und sogar der Hund selig lächelt. Kein Wunder, dass bei solch verklärten, unwahren Wirklichkeiten an diesem Abend in den Ambulanzen der Psychiatrien Hochbetrieb herrscht. Auch Menschen, die sich nach einer Partnerschaft sehnen, verklären diese, indem sie ihren Kopf ausschließlich mit unwahren, romantischen Bildern füttern. Gemeinsam im Bett kuscheln, bei Kerzenschein zu Abend essen, sich stundenlang toll unterhalten, aufregenden Sex haben und Versprechungen wie „Du gibst meinem Leben endlich Sinn. Ohne dich will ich nie mehr sein.“ Solche Gedanken belassen wir besser in Schnulzenfilmen, denn sie gehen an der Realität vorbei, weswegen wir immer enttäuscht sein werden, wenn es im wahren Leben dann nicht so läuft.

Was kann ICH tun?
Beim Blickwinkelwechsel, egal ob Akzeptieren, Lieben, Vom-Standpunkt-des-anderen-Betrachten, Relativieren oder Humor-zeigen, geht es nie darum, Dinge stoisch hinzunehmen und in Passivität zu verfallen. Auch nicht darum, die Schuld bei anderen zu suchen und damit die eigene Ohnmacht und Untätigkeit zu begründen: „Ich kann ja nichts dafür. Also kann ich auch nichts tun.“ Wir sind der Gestalter unseres Lebens und bleiben zuständig, bei allem, was wir uns passiert, unser Bestmöglichstes zu tun, um gut damit fertig zu werden und handlungsfähig zu bleiben. Durch den Blickwinkelwechsel schaffen wir bessere Voraussetzungen, um aktiv zu werden und um die weitere Vorgehensweise mit ruhigem, klarem Kopf zu planen – zumindest dort, wo wir Handlungsspielraum haben und diesen auch wahrnehmen wollen.