Seit Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ habe ich den Rother Wanderführer „Der spanische Jakobsweg“ im Regal stehen. Die Muschel fasziniert mich, und ich bin jedes Mal begeistert, wenn ich irgendwo eine entdecke. Allerdings schreckten mich bisher zugegebenermaßen die Pilgerunterkünfte mit den Bettenlagern ab – ganz unabhängig von Corona. Und nicht zuletzt muss für so eine Aktion ja auch der Rahmen stimmen, nicht nur zeitlich und finanziell.
Doch vor Kurzem war es soweit: Ich hatte mich dazu durchgerungen, die letzten dreihundertzwanzig Kilometer des spanischen Jakobswegs bis nach Santiago de Compostella organisiert, also „gepampert“, zu gehen. Als gebuchte Reise mit Gepäcktransport, Unterkunft und Halbpension. Spanien war zu dem Zeitpunkt gerade kein Risikogebiet, und ich dachte, dass der Weg so „nach“ Corona vielleicht nicht so überfüllt sei. Aber es kam anders. Denn der Reiseanbieter riet mir dringend davon ab. Es sei zu unwägsam. Man wüsste nicht genau, wie es um die Unterkünfte bestellt sei. Vieles sei geschlossen. Zudem sei der Weg auch relativ „einsam“ derzeit, weil die Ausländer fast komplett fehlten und dadurch gingen Charme und menschliche Begegnungen verloren. Er empfahl mir, mich bis nächstes Jahr zu gedulden. Das sei ein Jubiläumsjahr und sicherlich eine gute Zeit, den Weg zu gehen. So überfüllt wie noch vor gut zehn Jahren sei der Weg ohnehin nicht mehr. Ein Glück, dass ich auf ihn gehört habe, denn kaum eine Woche später wurde Spanien wieder zum Risikogebiet erklärt.

Doch wie das Leben so spielt: Ich entdeckte beim Wandern vor meiner eigenen Haustür eine Muschel. Und forschte nach: Also es geht direkt vor meiner Nase ein Jakobsweg vorbei. Von Fulda über Bad Soden-Salmünster bis nach Mainz und schließlich bis nach Trier. Von dort kann man dann weiter durch Frankreich bis nach Santiago laufen. Sogar bei Outdoor active gibt es einen entsprechenden Track. Ich ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und ging gemeinsam mit meinem Mann das erste Stück von Bad Soden-Salmünster nach Gelnhausen als Tagestour (ca. 22 km): Die Landschaft war herrlich, und es tat der Sache wenig Abbruch, dass der Weg teilweise nahe der Autobahn vorbeigeht. Zugegeben war es überwiegend Asphalt, was uns allerdings lieber ist als mancher Schotterweg. Erstaunlicherweise war der Weg richtig gut ausgeschildert. Und bot gute Vibes. Nicht nur, weil man beim Happ in Salmünster leckeren Proviant einkaufen und sich beim Pappert in Wächtersbach mit feinem Kaffee und Zimtschnecken stärken konnte. Zur Inspiration lohnten die Besuche der wunderschönen Kirche in Wirtheim und der Marienkirche in Gelnhausen. Ich empfinde Kirchen – völlig unabhängig von Konfession – mit ihrer Ruhe und Erhabenheit als Kraftorte, die Besinnen und Frieden finden leichter machen. Am Ende bot Gelnhausen zudem gute Möglichkeiten für die verdiente Pilgereinkehr, bevor es unkompliziert mit dem Zug wieder zurückging.

Unsere zweite Tagestouretappe verlief dann von Gelnhausen nach Langenselbold (ebenfalls ca. 20 km). Auch diese Tour war wunderschön. Weniger Asphalt, tolle Panoramablicke übers Kinzigtal, ein Waldkindergarten und eine beeindruckende Bergkirche. Der Jakobsweg von Fulda nach Santiago ist 2011 neu markiert worden, wie uns ein Schild erklärte. Wir haben uns auch nicht verlaufen 😅 Für den Imbiss unterwegs hatten wir uns beim Naumann in Gelnhausen super leckere  Laugendreiecke geholt. Nur eine Kaffee-Einkehr fehlte unterwegs. Vielleicht haben wir auch nicht richtig geschaut.

Weil wir ja tagestourmäßig unterwegs waren, mussten wir in Langenselbold vom Weg runter und zum Bahnhof laufen, um wieder nach Bad Soden-Salmünster zurückzufahren. Das war mühselig, da der Bahnhof in Langenselbold endlos außerhalb liegt, und wir somit am Ende auf fast 25 km kamen. Abends spürte ich mein Knie. Nachts musste ich kühlen. Die Freuden des Pilgers 😉

Aber meine Begeisterung ist (noch) ungebrochen. In Kürze geht es weiter von Langenselbold nach Mainz.  Zwei Übernachtungen sind auf dem Weg eingeplant und die großen Rucksäcke für das Übernachtungsgepäck schon aktiviert.

Auf unserer 3. Etappe ging es dann zuerst von Langenselbold nach Bergen-Enkheim. Die Strecke an sich hat knapp 25 km, was derzeit unser persönliches konditionelles Höchstmaß ist. Von daher hatten wir uns auch ganz „unpilgermäßig“ mit dem Taxi von zuhause an den Bahnhof von Bad Soden-Salmünster fahren lassen und danach mit eben einem solchen vom Bahnhof Langenselbold bis an die Strecke (über diese unsägliche Außenlage des Bahnhofs Langenselbold hatte ich ja schon berichtet). Als nächstes kamen wir nach Erlensee. Die Strecke kannten wir zum Teil, weil wir Abschnitte davon schon mal mit Rebekka Krischke, der engagierten Wanderführerin des Turnvereins Salmünster, gelaufen waren. Die Ausschilderung des Weges lässt seit Langenselbold allerdings zu wünschen übrig. Von daher waren wir heilfroh über unseren Outdoor active-Track, den wir parallel zu Rate ziehen konnten. In Erlensee haben wir beim Bäcker Ohl belegte Brötchen für das Mittagspicknick gebunkert. Dieses Bunkern ist bei uns „Sicherheitsheitsdenkern“ relativ tief drin. Kommt wahrscheinlich wegen unserer Bergtouren, wo man nie genau weiß, ob es eine Hütte gibt und wenn, ob sie denn offen hat 😉 Doch als wir dann später in Bruchköbel vor den einladenden Gaststätten mit ihren attraktiven Speisekarten standen, habe ich es schon bedauert, die eher unansehnlichen Brötchen im Gepäck mitgeschleppt zu haben. Aber da mussten wir jetzt durch.

Unterwegs von Erlensee nach Bruchköbel haben wir übrigens die erste und bisher einzige Mitpilgerin getroffen – eine junge Frau aus Fulda. Wir kamen mit ihr ins Pilgergespräch – fast so, wie ich es auch den Büchern kenne 😉: Von wo kommst du? Bis wohin gehst du? Wo übernachtest du? Wo gibt’s gute Verpflegung?… Bruchköbel hat uns mit einer sehr schönen Kirche mit wunderbaren blauen Fenstern überrascht, die zum Verweilen einlädt. Und beim Durchlaufen eines der Wohngebiete trafen wir auf eine Ortsansässige, die uns doch wirklich als Pilger ausmachte und uns spontan Wasser anbot. Damit hatte sie einen Platz in meinem Herzen sicher. Ich kenne das von dem spanischen Küsten-Pilgerweg, den wir vor 2 Jahren ein kleines Stück gewandert sind. Da hatten die Einheimischen am Wegrand öfter mal einen Tisch mit Wasser für die Pilger aufgebaut. Manchmal gab es sogar noch ein paar Früchte dazu.

Später dann ging es über das Bruchköbeler Einkaufs-Industriegebiet weiter. Von Lidl bis DM alles vorhanden. Für Wanderer eher unschön, aber eine gute Gelegenheit, um nachzubunkern, falls was fehlt. Und trotzdem lernt man immer dazu: So entdeckten wir doch wirklich eine moderne McTrek-Filiale, und fragten uns, warum wir bisher immer bis nach Frankfurt in die McTrek-Katakombe gefahren sind. Mittagsrast machten wir dann auf einer Bank im Schatten eines schönen Baumes auf dem Friedhof von Mittelbuchen. Das hatte den Vorteil, dass man sich an den Gießkannenstationen auch die Hände waschen konnte. Es war gut heiß und unsere Getränkevorräte ziemlich erschöpft. Deshalb vertrauten wir auch auf das Friedhofswasser zum Auffüllen. Wir hatten uns vorgenommen, mindestens 45 Minuten Pause einzulegen, um zu regenerieren. Unserer Erfahrung nach bringt eine große Pause mehr als mehrere kleine. Dabei hatten wir Gelegenheit, einige Gräber anzuschauen. Insbesondere die ungewöhnlich gestalteten Kindergräber hatten es mir angetan: Wie das von Jakob, *14.5.12 †13.10.12.  Auch das macht Pilgern aus. Dann ging es noch relativ leicht bis nach Wachenbuchen, wo wieder eine schöne Kirche aus uns wartete. Besonders gut gefallen hat mir die dortige Aktion, bei der man sich Mut-Postkarten abgreifen konnte. Für sich selbst oder für jemanden, der Mut gerade gut brauchte. Eine tolle Idee, und ich nahm zwei Karten mit. Der Rest bis nach Bergen-Enkheim zog sich dann auf langen Wegen hin. Viel Landwirtschaft und durchaus schöne Blicke, doch es fiel es uns gegen Ende zunehmend schwer. Was wahrscheinlich auch der Hitze geschuldet war. Die letzten Kilometer liefen auf der Regionalpark Rhein-Main-Route Hohe Straße entlang, die vorrangig von Fahrradfahrern genutzt wird. Nicht so ideal für Fußgänger. Nach knapp 27 Kilometern und 42000 Schritten – übrigens unsere persönliche Höchstleistung – kamen wir in unserem Hotel „Schöne Aussicht“ in Bergen-Enkheim an. Das Hotel liegt ideal an der Strecke und wird seinem Namen absolut gerecht. Von den Terrassen hatte man eine fantastische Aussicht. Unser Zimmer war modern renoviert und für Pilger schon Luxus. Die Bar des Hotels war geöffnet, leider aber das Restaurant, auf das wir uns abendessenmäßig verlassen hatten, seit Corona geschlossen. Da geht dann schon Flair verloren. Da wir überhaupt keine Lust hatten, noch einen einzigen Schritt vor die Tür zu tun, empfahl uns die Rezeptionistin einen Pizza-Lieferdienst. Allerdings dauerte es, denn es war Montag und die meiste Konkurrenz hatte Ruhetag.

Die 4. Etappe führte dann von Bergen-Enkheim nach Hattersheim. Zuerst ging es weiter Richtung Frankfurt: Die Strecke kommt über den Osthafen rein, und die EZB leuchtet immer wieder auf am Horizont. Doch bevor wir in die Stadt kamen, ging es primär durch Schrebergartengebiete. Es ist wirklich erstaunlich, wie stark Frankfurt von Schrebergärten umgeben ist. So kamen wir dann über den FSV und die Eissporthalle (Festplatz) rein und gingen durch den Ostpark auf den Osthafen zu. Im Ostpark nehmen die Gänse überhand, positiv dagegen fiel uns die dortige moderne Notübernachtungsstätte für Obdachlose und Menschen in Not ins Auge. Gegen Mittag dann am Osthafen angekommen, erlebten wir zum ersten Mal massiv die Corona-Auswirkungen. Der Osthafen ist wie ausgestorben. Die schöne Lokalität „Oosten“ wirkt verwaist, obwohl sie noch täglich ab 17 Uhr öffnet. Nur der Oosten-Imbisswagen ist in Betrieb, so dass ein paar Leute an Bierzeltgarnituren saßen. Aber kein Vergleich zu dem Flair von früher. Und das gesamte Gelände, das sich gerade in den Sommermonaten mit Kulturaktionen und anderen Angeboten präsentierte, ist wie leergefegt. Da kommt schon Trauer auf. Weil sich mein Mann eine ziemliche Blase gelaufen hatte, bogen wir am Eisernen Steg erstmal in die Innenstadt ab, um eine Apotheke aufzusuchen. Und bei Karstadt Sport an der Hauptwache, wo gerade Räumungsverkauf wegen Schließung stattfand, erstanden wir noch ein paar dickere Socken zum besseren Schutz der Blase.

Es war schon klar, dass wir in keinem Fall die komplette Strecke bis zu unserer nächsten Unterkunft in Hattersheim gehen würden. Das wären an die 30 Tageskilometer geworden – für den Blasenfuß und bei der Hitze definitiv zu viel. Der Plan war, bis Griesheim zu laufen und dort mit der Bahn bis nach Hattersheim zu fahren. Der ging auch auf, allerdings folgte der Weg bis Griesheim dem Radweg Richtung Mainz. An Niederrad und am Schwanheimer Ufer vorbei. Der Radweg ist so frequentiert, dass es dem Fußgänger ein bisschen den Spaß nimmt. Aber damit ist auf Pilgerwegen zu rechnen. Die Strecken können schon mal unangenehm sein. Manchmal gehen sie auch direkt an vielbefahrenen Hauptstraßen entlang.

Nach ca. 21 Kilometern und rund 32000 Schritten kamen wir in Hattersheim in unserer Unterkunft „Parkhotel Am Posthof“ an. Lange nicht so schön wie unsere vorherige Unterkunft, aber zumindest gab es ein nettes indisches Restaurant, wo wir abends schön auf der Terrasse zu Abend essen konnten. Vorab hatten wir uns frisch gemacht, und ich wollte noch mit dem Rei-Tübchen eine „kleine Wäsche“ machen, was allerdings mittlerweile in Hotels gar nicht einfach ist, weil die Waschbecken keine Stöpsel mehr haben und sich zum Teil gar nicht verschließen lassen. Unpraktisch für Pilger. Beim Abendessen beschlossen wir, wegen der Blase die Reise nicht wie geplant bis nach Mainz fortzusetzen, sondern erst einmal abzubrechen und bei unserer nächsten Aktion fortzusetzen. Die Nacht wurde unruhig. Unser Zimmer ging auf den Marktplatz mit den vielen Kneipen, die angeblich um 23 Uhr Sperrstunde haben sollten. Aber gerade unter uns hatten sich einige festgetrunken und bis nach 1 Uhr amüsiert. Das sind dann die Unwegsamkeiten auf dem Weg. 😉